Über die trügerischen Bauernregeln der Finanzexperten – Wie Sie als Privatanleger Fehler vermeiden

Wenn man Börsenanalysten bei ihren täglichen Analysen des Aktiengeschehens über die Schulter blickt, gewinnt man selten den Eindruck von Kompetenz und Expertise. Eher handeln viele Dauerschwätzer nach der Bauernregel: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist“. 

Sie sollten diesen „Möchte-Gern-Experten“ im täglichen Anlagegeschäft eine gesunde Portion Skepsis entgegen bringen: Wir wollen Ihnen ein paar Tipps mit auf den Weg geben, auf die Sie als Privatanleger achten sollten, wenn Sie Ihr Geld gewinnbringend anlegen wollen.

Illusion der Berechenbarkeit

Financial reportIn unsicheren und wenig übersichtlichen Informationsräumen werden Menschen in erster Linie auf Grundlage beschränkter Rationalität Entscheidungen treffen. Damit stehen sie im Gegensatz zum homo oeconomicus, weil der immer und überall über vollständige Informationen verfügt. Für die volkswirtschaftliche Entwicklung gibt es kaum belastbare Indikatoren, um sichere Aussagen über die Zukunft zu treffen. Nicht ohne Grund versagen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in schöner Regelmäßigkeit selbst bei der Vorhersage des jährlichen Wachstums. Warum sollte das bei der Entwicklung von Börsenkursen besser gelingen? Unternehmen und Märkte folgen nicht den Prinzipien der Gleichförmigkeit.

„Menschen unterliegen dem Glauben, Muster in Zufallsreihen zu erkennen, die allerdings überhaupt keine sind, da letztlich jegliche Ereignisse wie beim Roulette spielen ohne Abhängigkeiten eintreffen. Spekulationsblasen an der Börse werden ignoriert, da der Anleger unerschütterlich an eine ansteigende Kursentwicklung glaubt“, so die Erfahrung von Statistikprofessor Klaus Mainzer.

Fondsmanager, Analysten, Makler und Händler sind ständig überfordert, weil sie Zusammenhänge, Volkswirtschaften und Unternehmen analysieren, „die viel zu komplex sind, um jemals für Außenstehende durchschaubar zu sein“, bemerkt Georg von Wallwitz. Die Entstehung der neuzeitlichen Finanzmärkte sei gespickt mit Fehlurteilen, da die Akteure an diesen Märkten nicht dem Ideal eines klugen, geduldigen, verständigen und berechnenden Menschen entsprächen, so der Fondsmanager, Philosoph und Mathematiker von Wallwitz.

Wenn Nobelpreisträger scheitern

Selbst nobelpreisgekrönte Ikonen wie Myron Scholes und Robert Merton erwiesen sich als ziemlich dümmliche Zahlendreher. Ihre theoretischen Fata-Morgana-Obsessionen setzten sie in dem Hedge Fonds „Long-Term Capital Management“ in die Praxis um. „Die Instrumente, mit denen sie arbeiteten, waren damals nur einer Minderheit von Eingeweihten vertraut: ABCPs, Carry Trades, CDOs, Optionen, Leerverkäufe, Derivate und andere, noch exotischere ‚Produkte‘“, erläutert Mathematik-Fan Hans Magnus Enzensberge nach einem Bericht des Debattenmagazins „The European“. In den ersten Jahren erwirtschafteten sie mit einem Eigenkapital von nur vier Milliarden Dollar eine sagenumwobene Rendite von 30 bis 40 Prozent. Das biblische Mirakel der Brotvermehrung mutet dagegen kümmerlich bescheiden an.

altersvorsorge_thumbDie Modelle der beiden „Wissenschaftler“ beruhen leider auf Simplifizierungen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Anwendung der Gaußchen Normalverteilung widerspricht der Realität des Marktes. So führt Mathematiker Yuri Manin (http://de.wikipedia.org/wiki/Yuri_Manin)
aus, dass die Software die vielen unbewussten Einflüsse der Banken, Versicherungen & Co. auslässt, die jedoch teilweise entscheidend für die Handlungen der Akteure sind.

Aber gerade die unerwarteten Umstände schaufelten das Spekulationsgrab, in das nicht nur Scholes und Merton hineinfielen. Der Hedge Fonds LTCM kollabierte 1998, führte zu einem Verlust von über vier Milliarden Dollar und machte einen Rettungsplan notwendig, an dem sich bekannte Namen als Samariter betätigten: Bear Stearns, Lehman Brothers, Merill Lynch, Morgan Stanley und Goldman Sachs – natürlich auch die Deutsche und Dresdner Bank. Scholes wurde zwar wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 40 Millionen Dollar verurteilt, arbeitet aber nach wie vor als Fondsmanager. Und Merton? Er lehrt wieder Ökonomie an der Harvard Business School, wo er die Analysten der Zukunft ausbildet – man darf gespannt sein, was dabei raus kommt. Den gefallenen Helden der Wirtschaftswissenschaft sollte man den Nobelpreis aberkennen. Schließlich müssen auch des Dopings überführte Tour-de-France-Sieger ihre Krone wieder zurückgeben. All das sollte besonders Privatanleger zum Nachdenken bringen, um nicht auf der Leimspur von Finanzexperten zu enden.

infografik_AltersabsicherungFolgende Tipps sollten Sie beachten:

1. Trauen Sie keinem Anlageberater, denn er weiß im Zweifel sehr viel über den Stand seiner Provisionen und sagt Ihnen wenig über Erfolgsaussichten der empfohlenen Finanzprodukte. Da herrscht selbst bei traditionellen Bankinstituten das LEO-Prinzip: „Leicht erreichbare Opfer“.

2. Beschäftigen Sie sich ein wenig mit Statistik oder fragen sie einen Bekannten, der das gut kann. Bei Finanzberatern ist es ein beliebtes Spiel, mit Durchschnittsrenditen bestimmte Anlageformen schmackhaft zu machen. Da wird Ihnen mit plumpen Durchschnittsformeln ein jährliches Plus vorgerechnet, während das Depot in Wahrheit in roten Zahlen herum dümpelt. Der Statistik-Wissenschaftler Walter Krämer legt Ihnen folgendes Rechenbeispiel ans Herz: Wer 100 Euro anlegt und am Ende des Jahres 160 Euro besitzt, hat 60 Prozent Rendite eingefahren. Verliert man im Folgejahr nun 80 Euro, sind das 50 Prozent Verlust und somit 5 Prozent Renditengewinn pro Jahr. Genau solch fehlerhafte Rechnungen entstehen, wenn der Durchschnitt falsch gebildet wird, wie beispielsweise beim Handelsblatt, so Krämer im Interview mit der Zeitschrift brandeins. Wichtig ist, nicht die Summen sondern die Produkte bei Wachstumsraten zu interpretieren. Es müsse statt einem arithmetischen ein geometrisches Mittel berechnet werden. So würde die Wurzel der Wachstumsfaktoren 1,6 (160:100) und 0,5 (80:160) errechnet werden. Das macht dann ein tatsächliches durchschnittliches Wachstum von -10,6 Prozent. Jetzt stimmt die Rechnung, denn 100 Euro minus zweimal 10,6 Prozent ergibt 80 Euro, so der Rechenkünstler der Universität Dortmund. Keine leicht verdauliche Kost.

altersvorsorge_content3. Wenn Sie bei Kursverlusten Ihrer Aktien zur Schnapp-Atmung neigen, ist das Börsenparkett wahrscheinlich ein wenig geeigneter Ort, um ihre Vermögensträume zu erfüllen. Auch wenn Sie auf Geld kurzfristig zugreifen müssen, um etwa Eigenkapital für Immobilien locker zu machen, sollte das Börsengeschehen Sie kalt lassen. Das Risiko von überhasteten Verkäufen mit Verlusten ist zu hoch. Wer Ausdauer an den Tag legen kann, sollte vor Aktienkäufen nicht zurückschrecken. Etwa Anlagen mit Indexfonds. Die bilden Indizes wie den DAX nach und auch die Entwicklung verläuft wie beim DAX. Zudem müssen Sie jährlich nur Gebühren in Höhe von 0,15 Prozent berappen und liegen damit günstiger als die klassischen Fonds, bei denen Sie Gebühren von 1,5 Prozent auf den Tisch legen müssen. Bei einer langen Anlagendauer können Sie einiges an Kosten sparen. Generell sollten Sie mit kleinen Beträgen auf verschiedene Indizes setzen, um Abhängigkeiten zu vermeiden.

4. Die wohl beste Strategie besteht darin, das eigene Anlageportfolio gut zu streuen, viel zu probieren und Chancen in die Hand zu nehmen. Klingt wie eine Binsenweisheit. Da die so genannten Börsenexperten sich bei ihren Vorhersagen selten als Experten profilieren, ist dieser Ratschlag aber gar nicht so blöd. Wenn man die Ergebnisse der „Experten“ betrachtet, stellt man fest, dass diese nicht nur ein viel besseres Wissen in ihren Bereichen haben, sondern auch verstehen, dieses mit mathematischen Vernebelungsrechnungen noch besser aussehen zu lassen, als es ist – so der frühere Börsenhändler Nassim Taleb.

5. Bei den niedrigen Zinsen liegen derzeitig Immobilien als Vermögensanlage stark im Trend und werden auch zukünftig noch stärker genutzt werden (siehe Grafik). Von den Finanzberatern werden diese derzeit aber auch wie warme Semmeln empfohlen. Baukredite sind so günstig wie nie und die Eigenheim-Preise ziehen in fast allen Ballungszentren deutlich an. Da können Sie wohl mit dem Hauskauf nichts falsch machen. Weit gefehlt – eine kritische Betrachtung ist wichtig. Wie schaut es mit den Kosten für Grunderwerbsteuer, Makler und Notar aus? Diese sollten Sie mit einrechnen. Wer 20 Prozent Eigenkapital aufbringt, kann die Hälfte seiner Kohle schon mal abschreiben. Das müssen Sie erst mal wieder in die Kasse bekommen. Und wer kann schon sicher sein, dass die Immobilienpreise weiter nach oben schießen? Selbst in München mit dem stärksten Preisanstieg seit 1975, „konnten Verkäufer nominal im Schnitt 3,3 Prozent mehr kassieren“, schreibt die Zeitschrift Capital. Die niedrigen Zinsen sollten bei der Kaufentscheidung also nicht der einzige Indikator sein. Sie sollten auch das allgemeine Preisniveau, das Einkommen und die Produktivität im Auge behalten. Wer noch Baukredite abzahlen muss, sollte die Niedrigzinsen für Sondertilgungen nutzen. Und wer in der Billigzins-Situation gar nichts macht, sollte aufhören, sich über die kalte Enteignung seines Sparvermögens zu beklagen.

Die Devise heißt: Risiko streuen und Fehler vermeiden

Bei der Geldanlage kann man viele Fehler machen – oder man kann sie vermeiden. Ohne tiefere Kenntnisse in diesem Markt zu besitzen kann man trotzdem erfolgreich sein. Die wichtigste Weisheit ist allerdings: Keine Gier zu entwickeln!

Das setzen auf mehrere Pferde minimiert zwar die Chance auf den ganz großen Coup, minimiert aber auch das Risiko auf einen Totalverlust Ihres Investments. Mischen Sie verschiedene Laufzeiten, unterschiedliche Risikoklassen wie Aktien, Staatsanleihen, Festgeld, Investmentfonds, Immobilienfonds und Tagesgeld, um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Rendite und Risiko zu erreichen. Ihren individuellen Ansprüchen und Ihre persönliche Risikoneigung sind ausschlaggebend für das richtige Verhältnis. Achten Sie aber auch auf den richtigen Zeitpunkt: Von Zeit zu Zeit sollte
man sein Portfolio überdenken. Sind die Anlagen noch zeitgemäß und entwickeln sie sich in die richtige Richtung. Zögern Sie nicht, sich auch mal von dem einen oder anderen Invest zu trennen.

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