Profitieren von der EZB-Politik

Niedrige Euro-Leitzinsen machen Spekulationsgeschäfte in Fremdwährungen attraktiv. Carry Trades dürften für einen schwächeren Euro, boomende Emerging Markets und Chancen bei kleineren deutschen Börsenwerten sorgen.

Geld für wenig leihen und anderswo hoch verzinsen lassen, das klingt nach einem fast schon unmöglichen finanziellen Perpetuum mobile. Nach der Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) auf 0,05 Prozent könnte die selbst antreibende Maschine aber richtig in Gang kommen und andere Anlagen mitreißen. Denn so niedrige Leitzinsen werden nicht nur Kredite für Unternehmen und Baugeld hierzulande günstiger machen, sie verlocken auch zur Spekulation über Grenzen hinweg.

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Carry Trades auf Euro-Basis lohnen sich derzeit auf über 40 Währungen und das hat Folgen: Laut Citi-Bank Analyst Steven Englander ist praktisch jedes größere Devisengeschäft derzeit in der einen oder anderen Form ein sogenannter Carry Trade. Händler leihen dafür zum Beispiel günstig in der Eurozone Geld und investieren es irgendwo auf der Welt in einer anderen Währung, wo es etwa bessere Zinsen gibt. Ein rentables Geschäft, vorausgesetzt der Wechselkurs bleibt stabil oder der Euro wird sogar noch schwächer.

Schwacher Euro zu erwarten

Es scheint Teil des Plans von EZB-Chef Mario Draghi zu sein, den Euro als Finanzierungswährung attraktiv zu machen. Laut einem Bloomberginterview von Paresh Upadhyaya von Pioneer Investment dürfte die Gemeinschaftswährung da sogar dem japanischen Yen seine Rolle streitig machen, der bisher als erste Wahl für solche Geschäfte galt. Denn durch die negative Verzinsung bei der EZB geparkter Bankengelder mit minus 0,2 Prozent, werden die Institute nicht nur dazu genötigt, leichter Kredite im Inland zu bewilligen, sondern dürften auch verstärkt selbst Carry Trade-Möglichkeiten nutzen. Fließt mehr Eurogeld in Fremdwährungen sollte das folgerichtig die Wechselkurse weiter unter Druck setzen und als Hebel für Gewinne aus diesen Carry Trades fungieren. Zum Beispiel bei Erträgen von indischen Staatsanleihen, die auf zehn Jahre etwas über acht Prozent Zinsertrag versprechen. Zusätzlich hat der Euro zuletzt gegen die Rupie fast zwei Prozent eingebüßt und Gewinne in der indischen Landeswährung sind in Euro wertvoller geworden. Unterschätzen dürfen Anleger aber auf keinen Fall die erfahrungsgemäß hohe Volatilität von Wechselkursen und die andere Risikostruktur ausländischer Staatsanleihen. Selbst bei Investitionen in den bei Carry Tradern beliebten Australischen Dollar können die Währungsschwankungen Zinsvorteile schnell zunichte machen. Aber von den Devisengeschäften profitieren derzeit auch andere Anlagen jenseits des Rentenmarktes.

Chart: 10-jährige Staatsanleihen Deutschland gegen Brasilien, Indien, China, Australien
http://www.markt-daten.de/charts/zinsen/staatsanleihen-g20.htm

Emerging Markets profitieren

Die Zinsentscheidung der EZB wird das weitere Wachstum der sich entwickelnden Wirtschaften etwa in Asien oder Südamerika beeinflussen. Denn die Schwellenländer werden durch Carry Trades einen leichteren Zugang zu Krediten bekommen beziehungsweise mehr Abnehmer für ihre Staatsanleihen finden. Aber das Prinzip funktioniert nicht nur mit Staatspapieren, sondern genauso mit Nicht-Euro Unternehmensbonds, Dividendenwerten oder Wachstumsaktien aus den Emerging Markets. Zum Beispiel ein Investment in die in letzter Zeit eher gemiedenen Schwellenländer-Börsen könnte sich unter dem Strich doppelt lohnen. Denn verliert die Gemeinschaftswährung weiter, werden mögliche Kursgewinne in Fremdwährungen beim Rücktausch vergrößert. Zudem dürften Carry Trades ursprüngliches Euro-Kapital in die Märkte spülen und für steigende Aktiennotierungen sorgen. Aber Anleger können auch an der heimischen Börse von den massiven Währungsspekulationen profitieren, ohne den Euroraum zu verlassen.

Hoffnung vor der Haustür

Gerade die Aktien kleinerer deutscher Unternehmen, die nach der Finanzkrise oft sowohl über lahme Exporte als auch zu wenig bereitgestellte Kredite klagten, könnten jetzt noch einmal Schwung bekommen. Einerseits dürfte die lockere Geldpolitik der EZB es wesentlich einfacher machen, neue Investitionen durch Kredite zu finanzieren. Andererseits sollte ein wahrscheinlich langfristig eher schwacher Euro Exporte generell erleichtern. Hier könnten Anleger jetzt noch das eine oder andere Schnäppchen bei deutschen Small Caps machen. So manches exportorientierte Unternehmen, wie etwa die starke deutsche Maschinenbaubranche, könnte dank eines günstigen Wechselkursverhältnisses und guter volkswirtschaftlicher Lage in den wichtigen Emerging Markets Absatzmärkten profitieren. Schwieriger könnte allerdings die Lage in rohstoff-abhängigen Wirtschaftszweigen werden, denn hier wird ein schwacher Euro die Produktionskosten verteuern.

Fazit: Inflationswunsch und Welt-Wachstum in Sicht

Aber der Währungseffekt darf auch nicht überbewertet werden. „Ab der Jahreswende sollten die Exporte vom Devisenmarkt wieder Rückenwind bekommen“, meint Ralph Solveen, Analyst der Commerzbank. Vom Euro erwartetet er eine kräftige Abwertung, aber das allein wird die Exporte noch nicht sofort nach oben treiben: „Wichtiger für unsere Erwartung wieder schneller zulegender Exporte ist deshalb unsere Prognose, dass die Weltwirtschaft ab Ende 2014 wieder etwas stärker wachsen wird.“ Für deutsche und europäische Anleger könnte aber die lockere Geldpolitik der EZB langfristig noch weiter Auswirkungen haben. Dean Popplewell, Chef-Währungsanalyst bei Oanda, meint, die historisch niedrigen Zinsen könnten noch immer nicht ausreichen, um das gewünschte Inflationsziel zu erreichen und die Deflationsgefahr abzuwenden: „Die Angst, dass die europäische Fiskalpolitik es nicht schafft, Inflation zu erzeugen, sollte zur Erkenntnis führen, dass es noch einen massiven Bedarf an weiteren monetären Eingriffen gibt.“ Niedrige Zinsen, ein gewollt schwacher Euro und dadurch rentable Carry Trades in großem Umfang dürften für Anleger noch eine ganze Weile wichtige Orientierungspunkte für Investitionsentscheidungen bleiben. Exportstarke heimische Unternehmen und Fremdwährungspositionen, egal ob Anleihen, Aktien oder starken Devisen, sollten in einem breit aufgestellten Depot besser nicht fehlen.

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