Herr Draghi, lesen Sie Schumpeter! Wie der EZB-Präsident die Kleinsparer schröpft

Leiden Sie derzeit unter Magerzinsen? Dann sind Sie in guter Gesellschaft. Laut Berechnungen der Postbank verlieren die Sparer in Deutschland in diesem Jahr schlappe 14 Milliarden Euro. Im nächsten Jahr sollen es gar 21 Milliarden Euro sein. Das Dankschreiben für diese kalte Enteignung können Sie an Mario Draghi schicken, der als Billigzins-Präsident der EZB (Europäische Zentralbank) in die Geschichte eingehen dürfte. Er gilt als Verfechter der alten Geldpolitik-Schule, dessen Glaube darin besteht, die Konkunktur in die Höhe zu treiben, in dem er die Leitzinsen auf das Rekordtief von 0,05 Prozent senkt. Der EZB-Chef fungiert wie ein makroökonomischer Dompteur, für den Volkswirtschaften wie ein Uhrwerk funktionieren. Für Draghi und Co. wäre ein Studium der Werke des Nationalökonomen Joseph Schumpeter angebracht, worin der „Fluch des Denkens in Aggregaten” beschrieben wird .

Insgesamt kann man die Einzelentscheidungen im Nachhinein höchst simpel im Brustton der Besserwisserei interpretieren. Das Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes dürfte bei den Makroklempnern wohl einen vorderen Platz auf der persönlichen Bestseller-Liste einnehmen. Da stürzt man sich mit Verve auf Monokausalitäten und Korrelationen, um der Öffentlichkeit die Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftsverlaufs zu erklären – belastbar sind diese Aussagen aber immer nur im Rückspiegel.

EurocheckEZB-Präsident als Spaßvogel

Geht es um die Zukunft, rangieren die Gewissheiten der VWL-Mechaniker auf dem Level von Kaffeesatz-Leserei. Das ist schlecht fürs Ego. Also muss man lautstark um sich schlagen, um die brüchigen ökonometrischen Analysen in irgendeiner Weise zu retten. Die Makroökonomen ignorieren damit den Kern des wirtschaftlichen Wandels, meint Schumpeter. In Wahrheit werden Volkswirtschaften permanent durch Innovationen, Technologien und neuen Geschäftsmethoden umgepflügt und revolutioniert. Und häufig sind es gar Einzelpersönlichkeiten wie Steve Jobs, die komplette Wirtschaftsbranchen ins Wanken bringen und neue Wirtschaftsbranchen entstehen lassen – wie die Telefonie-Expansion Ende des 19. Jahrhunderts, ausgelöst durch den legendären Generalpostmeister Heinrich von Stephan, ein preußischer Silicon Valley-Vordenker, der unter Reichskanzler Otto von Bismarck diente und Berlin zum Mekka der Telekommunikation formte. Firmen wie die Berliner DeTeWe, die heute noch im Technologiesektor tätig sind, belegen die Weitsicht des preußischen Beamten. Den Heinrich von Stephan-Orden können wir dem Zins-Gläubigen Draghi leider nicht verleihen. Konjunkturpolitisch läuft der Mini-Zins ins Leere. Dafür werden Ihre Privatvermögen geschröpft. Was den EZB-Präsidenten in karnevalesker Manier überhaupt nicht juckt, denn es sei die Entscheidung der Finanzinstitute, die Zinsen für Anleger festzulegen. Was für ein Spaßvogel.

Die Sparzinsen hängen natürlich auch von dem jeweiligen Leitzins ab. Sinken sie, zahlen auch die Banken ihren Kunden weniger. Entsprechend sinken die Zinsen für Kredite, also die Hauptabsicht der EZB-Geldpolitik, um Investitionen anzukurbeln. Beides ist eingetreten, nur die Ankurbelung der Investitionen schwächelt. Für Tagesgeld gibt es im Schnitt nur noch lächerliche 0,6 Prozent. Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit werfen rund ein Prozent ab. Sparbücher liegen unter diesem Wert. Warum verlieren Sie zur Zeit bei diesem geldpolitischen Spielchen? Es liegt an der Inflation. Die Preissteigerungsrate lag im Juli bei 1,9 Prozent. Sie müssen also für Ihren monatlichen Warenkorb mehr ausgeben als Sie an Zinsen über Vermögensanlagen wieder reinholen. Ach ja, Anlagevermögen muss zudem versteuert werden. Inflation und Steuern zerlegen so langsam Ihr sauer verdientes Geld.

Niedrigzinsphase schädigt Kleinsparer

Eine teuflische Spirale, an der Draghi mittelfristig festhalten will. Er bleibt bei seiner Politik des leichten Geldes und beutelt damit die Kleinsparer. Die Niedrigzinsphase dauert nun schon sechs Jahre – seit der Finanzkrise 2008/2009 und eine Änderung ist nicht in Sicht: Dies hemmt die Anleger.

Eigentlich müsste man jetzt die geldpolitischen Schraubendreher in der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main mit Dauerdemos beglücken. Denn die EZB-Boys demontieren nicht nur Ihr mühsam erarbeitetes Geldvermögen, sondern befördern auch noch eine neue Welle von Spekulantentum kombiniert mit kaum messbaren Wirkungen auf die so wichtige Investitionsneigung der Unternehmen, wie der mehrfach ausgezeichnete Finanzblogger Dirk Elsner im ichsagmal-Interview bestätigt. So lässt die Bedeutung der Bankenfinanzierung bei Mittelständlern und Konzernen nach. Nicht ganz unschuldig an dieser Lage sind die Crashpropheten der Ökonomie, die uns täglich mit Untergangsschlagzeilen zur Eurokrise beglücken und damit bei Unternehmen und Privatanlegern für Irritationen sorgen.

Im Irrgarten der Makroökonomie

Generell überschätzen nach Ansicht von Elsner die Zentralbanker die Hebelwirkung ihrer Zinspolitik. „Die Erwartungen über die eigene Zukunft spielen eine größere Rolle als die Leitzinsen.“ Zinsen werden in den makroökonomischen Sandkastenspielchen der Volkswirte zu hoch gewichtet. VWLer unterschätzen psychologische Faktoren. „Die meisten ökonomischen Analysen konzentrieren sich auf finanzielle Motive wie das Streben nach mehr Konsum oder Einkommen. In der Wirtschaftswissenschaft von heute geht es jedoch nicht nur um Geld und viele Wirtschaftswissenschaftler sind der Ansicht, dass auch nicht-finanzielle Motive untersucht werden sollten“, schreiben George A. Akerlof und Rachel E. Kranton in ihrem Buch „Identity Economics“.

Es gibt also eine Vielzahl von Wechselwirkungen, die berücksichtigt werden müssen, um richtige Entscheidungen in der Wirtschaftspolitik zu treffen. „Die Senkung der Leitzinsen sind für Investitionsplanungen irrelevant. Viel wichtiger sind Prognosen der Unternehmen, wie sich das eigene Geschäft in den nächsten Jahren entwickelt“, weiß Finanzblogger Elsner. Das recht einfältige Maßnahmenpaket der EZB fruchtet nicht. „Und wer Kredite wirklich braucht, wie Startups und Firmen in Griechenland oder Spanien, der kommt nicht in den Genuss des billigen Geldes, weil die Investments für die Banken zu risikoreich sind.“

Wer real nach Steuern als Privatanleger mehr Erträge erwirtschaften will, muss klüger operieren und durchaus auch in riskantere Papiere anlegen. „Bei Banken ist das problematisch, weil sie nach wie vor eine zu geringe Eigenkapitalausstattung haben. Kommt es zu Ausfällen, geraten einige Finanzinstitute wieder in Schwierigkeiten. Die Lage für Privatpersonen ist eine andere. Wer 10.000 Euro auf dem Konto hat, die man langfristig anlegen kann, sollte einen Teil etwas riskanter anlegen. Vielleicht nicht gerade in Schiff-Fonds. In Deutschland fehlt generell diese Risikobereitschaft. Wenn hier etwas ausfällt, ist das sofort eine mittlere Katastrophe. Höheres Risiko bedeutet nun mal auch, dass es zu Ausfällen kommen kann. Das passiert selbst bei Mittelstandsanleihen oder Crowdfunding-Projekten“, so Elsner. Privatanleger sollten ihre gesamten Ersparnisse nicht in eine Anleihe packen. Ein Teil der Ersparnisse könnte in Aktien angelegt werden, je nachdem, wann man das Geld braucht. Vom so genannten Stock-Picking rät Elsner ab. Besser sei es, sich die richtigen ETFs zu suchen, also börsengehandelte Fonds. Hier vielleicht auch einen größeren Betrag anlegen und liegen lassen. Selbst in Crash-Situationen müssen Sie die Nerven behalten und dürfen nicht verkaufen. „In der Summe hat sich das bei mir deutlich über dem Sparbuch rentiert“, meint Elsner. Einen Teil können Sie ins Festgeld packen und sich zudem auf den Märkten für Staatsanleihen umschauen. Das ist allerdings eine Empfehlung, für die man starke Nerven braucht. Nichts für Oma Lehmann. Als Fazit lässt sich zusammenfassen: „No risk no fun!“ oder auf deutsch: „Ohne Risiko kein Gewinn!“ Aber auf keinen Fall sollten Sie Ihre gesamten Ersparnisse in hohen Risikoklassen investieren. Verfahren Sie immer nach dem Motto, angespartes Vermögen, welches Sie für den späteren Lebensunterhalt benötigen, nur sicher mit möglichst wenig Risiko anlegen und nur mit Geld, welches Sie über haben, auch ruhig mal spekulativ agieren.

 

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