Über Lemminge und Börsengurus – Kollektiver Nervenkitzel auf Social Trading-Plattformen

Kennen Sie Luiz Crato aka Gonzallez 69? Nein? Nicht weiter schlimm. Er ist nur ein Börsen-Guru, ob nun selbst ernannt oder nicht, wollen wir an dieser Stelle nicht weiter hinterfragen. Gonzallez 69 ist einer jener Wunderheiligen des Finanzgeschehens, denen man auf einer Plattformen wie www.etoro.com folgen kann, um beim Zockerspiel namens Social Trading mitzumachen. 

Bei eToro können registrierte Nutzer die Depots aller anderen Mitglieder betrachten und über Ranglisten herausfinden, wer gerade die meiste Rendite mit Aktien, Währungen oder auch Derivaten wie CFDs (Contract of Difference) des Spekulanten-Daseins einfährt. Ist man von der wie auch immer begründeten Strategie eines Master-Traders überzeugt, genügt ein einziger Mausklick, um die Anlagestrategie seines Vorbilds sofort nachzuahmen.

Gleichermaßen oder ähnlich funktionieren weitere Social Trading Plattformen wie ZuluTrade, die ebenfalls 2007 gestartet sind, youtradeFX – die dann 2009 folgten oder auch ayando aus dem Jahre 2011. Ein im Jahr 2012 sehr spät gestarteter und trotzdem recht erfolgreicher Anbieter in Deutschland ist Wikifolio. Bereits nach einem Jahr der Tätigkeit investierten etwa 300.000 User etwa 50 Mio. Euro über die Plattform. Bis heute – ein Jahr später – sind es bereits über 240 Milionen Euro.

Auf eToro sind 3 Millionen interessierte Anleger unterwegs, die alle nur eines wollen – Geld verdienen. So beschreibt FAZ-Autor Dennis Kremer seine Exkursion auf das Portal, auf dem derzeitig Goldgräber-Stimmung herrscht. Börsenreichtum durch Nachahmung ist allerdings nichts Neues. Im Managerjargon nennt man so etwas neudeutsch Benchmarking. Frei nach dem Motto: Was habe ich falsch gemacht wenn mein Nachbar einen Porsche fährt und ich nur einen gewöhnlichen Golf? Hat man dann herausbekommen, dass der Nachbar vor dem Frühstück eine Runde joggen geht, dann macht man es auch und hat den Schlüssel mit dem Porscheemblem quasi schon in der Tasche.

Wenn es nicht biologischer Unsinn wäre, könnten wir das ganze Spektakel auch als Prinzip der Lemminge bezeichnen. Die putzigen Wühlmäuse sollen sich ja angeblich auf Kommando zu tausenden von Klippen herunterstürzen, um kollektiv Selbstmord zu begehen. Pekuniärer Suizid ist sicherlich keine Zielsetzung beim Social Trading. Wie im Social Web setzt man auf die Weisheit der Vielen. Branchenprimus ist dabei eToro. Zu den Konkurrenten zählen Plattformen wie Ayondo, Currensee, Wikifolio und United Signals.
Ob die Wettideen der Top-Trader auch wirklich aufgehen, kann bei einem Mindesteinsatz von 50 Dollar reine Glückssache sein.

Social_Trading
Auch Börsengurus können irren

Dennis Kremer entschied sich bei seinem Selbstversuch für das Daytrading-Superhirn Gonzalles 69. Schließlich lockt er mit satten Gewinnen und einem feinen Gespür, den nächsten sich bietenden Jackpot zu knacken. 150 Dollar schmeißt der FAZ-Redakteur in die Waagschale, um den Spuren des Hochrisiko-Anlegers zu folgen. Häufig wird mit so genannten „Contracts for Difference“ (CFDs) gehandelt. Welche Richtung der spekulative Einsatz einschlägt, ist für die Portalbetreiber nicht wichtig. Sie stellen lediglich die Plattform zur Verfügung und verdienen an den Umsätzen ihrer Mitglieder. Entscheidend ist also das Handelsvolumen und nicht Gewinne oder Verluste. Für den FAZ-Mann ist das Trader-Intermezzo schlecht ausgegangen. Auch Börsenprofis scheitern am Unvorhersehbaren. DAX, Euro-Stoxx 50, Euro im Vergleich zum Dollar – alles setzte zur Talfahrt an. „Ich schaue nach, was aus den 150 Dollar geworden sind, die ich auf Luiz Crato gesetzt habe. Es ist ein Desaster: Das Minus beträgt 30 Prozent.“ Der Börsen-Champion setzte wie viele andere auf steigende Kurse. In diesem Fall Pech gehabt.

Grundschule für Day Trading

Wer die Gunst der Stunde nutze und auf fallende Kurse wettete, dürfte sich gefreut haben. So auch Stefan Riße, ehemaliger TV-Kommentator, der einen DAX-Put bei Gap-Closing von 9.230 Punkten im Index gemacht hat – so der Vermögensverwalter nach einem Bericht des ARD-Börsenmagazins. Er will sein Social Trading-Engagement ausbauen. Er tritt sowohl mit seinem Wikifolio„Asset Management by Sentiment“ in Erscheinung, aber auch auch als Signalgeber für United Signals.

Das Verhalten dieser Signalgeber auf den Plattformen gibt einen guten Einblick in die Strategie, aber auch das Gefühlsleben der „Social Trader“, die ihre Handelsstrategien öffentlich machen und zum Teil auch zeitnah kommentieren. Für unerfahrene Anleger, die erste Schritte im Day Trading unternehmen wollen, eine nützliche Informationsquelle. Sie können dem Treiben übrigens auch als nichtzahlender Community-Zaungast beiwohnen, wie in der römischen Kampfarena, um risikolos den Daumen nach unten oder oben zu bewegen. Nur zugucken und selbst nichts wagen, ist wohl die beste Empfehlung, die man beim Start in die Social Trading-Welt geben kann.

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